This Post is available in:

Dieser Post ist verfügbar in:

Maciek Olbrych: Ein Leben zwischen Polo und Chovken

© Maciek Olbrych

Der polnische Polo-Profi und Generalsekretär der International Chovken Federation über Familie, Sprachen, kulturelles Erbe und die Zukunft des Reitsports

Von Jan Zavázal, alias The Polo Speaker

Maciek Olbrych ist polnischer Polo-Profi – und Spieler in zweiter Generation in einem Land, in dem der Sport unter dem Kommunismus für mehr als 40 Jahre so gut wie verschwunden war. Sein Vater Paweł Olbrych gehörte zu der Handvoll Menschen, die das Polo in Warschau wiederbelebten. Maciek hat sich seither eine Karriere im In- und Ausland aufgebaut – in Polen, Mitteleuropa, Argentinien und darüber hinaus. Er ist Generalsekretär der International Chovken Federation. Wir haben mit ihm über Familie, Sprache, Kultur und die Zukunft des Reitsports gesprochen.

Wer ist Maciek Olbrych, und welche Eigenschaften oder Fähigkeiten haben Ihnen geholfen, ein international erfolgreicher Polospieler zu werden?

Meine Familie hat 2002 unseren Poloclub in Polen gegründet, und ich reite, seit ich denken kann. Diese Leidenschaft hat mir mein Vater weitergegeben. Mit vier Jahren habe ich angefangen zu reiten, bin dann zum Springreiten gekommen, und 2002 haben wir uns irgendwie entschlossen, Polo auszuprobieren – und uns sofort komplett verliebt. Wir sind nach Argentinien gereist, nach England, und haben schließlich unsere Springpferde verkauft, um Polopferde zu kaufen. Es war der erste Poloclub, der in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Das ist jetzt über 25 Jahre her, und ich glaube, dass es zu den wichtigsten Dingen in meinem Leben gehört, neue Menschen zum Polo zu bringen – diese Leidenschaft für Pferde zu teilen und anderen das Spiel beizubringen.

Zu den Eigenschaften: Ich glaube, man braucht eine bestimmte Ausstrahlung, um in der Polowelt zurechtzukommen, denn es geht sehr um Energie – und ich versuche, mit den Menschen in Verbindung zu bleiben. Ich versuche, offen zu sein. Jemand hat mir einmal gesagt, Polo wirke von außen sehr elitär, sei von innen aber eigentlich sehr egalitär – und Polo hat mich gelehrt, bescheiden zu bleiben. Dank der Fähigkeiten, die ich durch den Sport gewonnen habe, hatte ich ein wunderbares Leben voller Reisen und Polo-Freundschaften. Das versuche ich an meine Schüler weiterzugeben, an meinen Sohn und jetzt auch an den Club, den wir in Tschechien mit aufbauen: den La Republica Polo Club in Prag.

Sie sind in einer Polofamilie aufgewachsen. Welchen Einfluss hatten Ihr Vater und Ihre Mutter auf Ihre Karriere, und wie war es, Teil der Wiederbelebung des Polosports in Polen zu sein?

Wir haben uns nie als diejenigen gesehen, die etwas wiederbeleben – wir wollten einfach Polo spielen. Es war eine Familiensache. Heute, als Erwachsener, weiß ich es sehr zu schätzen, dass ich mit meinem Vater auf der ganzen Welt Turniere spielen durfte. Wir sind viel zusammen gereist, ich habe auch an der Seite meiner Schwester gespielt – und jetzt spiele ich Polo mit meinem Sohn, der neun ist.

Es ist einfach Teil unseres Lebens, und die Menschen kommen dazu und teilen es mit uns. Irgendwann sind wir alle eine große Polofamilie. Für mich persönlich war es wichtig, dass ich als junger Teenager und als junger Erwachsener viel Zeit in Deutschland verbracht habe – ich habe in Berlin Polo gespielt und dort an Jugendcamps teilgenommen. Das habe ich später nach Polen mitgebracht: Wir haben angefangen, Jugendcamps für junge polnische Spieler zu organisieren. Es ist schön zu sehen, wie Polo über die Zeit weiterlebt: Neue Leute kommen dazu, bekommen eigene Kinder, und diese Kinder spielen auch. Ich weiß nicht, ob ich diese Vision von Anfang an hatte, aber so fließt es eben – und ich lasse mich einfach treiben.

Wie viele Sprachen sprechen Sie, und wie hat Ihnen die Mehrsprachigkeit in Ihrer internationalen Karriere geholfen?

Viele Sprachen zu sprechen hilft natürlich, aber es ist ein bisschen wie ein Zirkustrick – es spielt keine Rolle, ob man zwei oder vierzehn Sprachen spricht, wenn man niemanden hat, mit dem man wirklich redet. Worauf es ankommt, ist, Menschen wirklich zuhören zu wollen und herauszufinden, wer sie sind. Darum geht es bei Kommunikation eigentlich, und es ist dieselbe Fähigkeit, die beim Reiten und beim Polo hilft, denn Polo ist reine Kommunikation – mit dem Team, mit den Pferden. Man kann das auf Englisch, Spanisch, Französisch oder Tschechisch tun, oder mit dem Herzen, aber entscheidend ist die Kommunikation. Es geht darum, zwischen den Zeilen zu lesen. Mehrere Sprachen zu sprechen hilft zu verstehen, dass der kulturelle Code von Land zu Land verschieden ist – aber der erste Funke der Leidenschaft ist überall derselbe.

Was können Sie uns über den La Republica Polo Club erzählen?

Polo in ein Land zu bringen, in dem es nicht gerade die populärste Sportart ist, ist schwierig. Im La Republica Polo Club versuche ich, genau diese familiäre Atmosphäre wiederherzustellen – einen Ort, an den jeder kommen kann, an dem jeder es ausprobieren und sich hoffentlich in den Sport verlieben kann. Ich bin dort jetzt in meiner dritten Saison als Pro, und ich bin stolz auf die kleinen, aber beständigen Schritte, mit denen wir Polo in Tschechien weiterentwickeln. Unsere neue Anlage mit einem 220 × 110 m großen Polofeld zeigt, dass Polo in Prag und in Tschechien seinen Platz hat – und bleiben wird.

Wie etabliert ist Polo heute als Pferdesport in Polen? Ist der Sport seit seiner Wiedereinführung 2002 deutlich gewachsen?

Wir hatten Glück. Polen ist ein großes Land – fast 40 Millionen Einwohner – mit einem riesigen Pferdesportmarkt, vor allem im Springreiten und in der Dressur. Im Polo haben wir nur fünf Clubs, aber sie bringen eine gute Zahl an Spielern und Turnieren hervor, und man kann praktisch fast jedes Wochenende irgendwo in Polen ein Turnier spielen. Wir haben außerdem das Glück, mit dem Sowiniec Polo Club eine der besten Anlagen Europas zu haben – die Polo-Europameisterschaft im vergangenen Jahr fand dort statt, in Poznań, und jedes zweite Wochenende werden dort Turniere bis acht Goals gespielt. Das hebt das Gesamtniveau. Starke Clubs gibt es rund um Warschau und in der Region Schlesien nahe der tschechischen Grenze. Es ist noch Platz für neue Clubs, aber wir sind an einem Punkt, an dem es nicht mehr um Konkurrenz und Rivalität zwischen den Clubs geht – sondern um Zusammenarbeit.

Wie sehen Sie Polo in Mitteleuropa?

Ich sehe Polo grundsätzlich nicht gern als super exklusiven Sport. Ja, es ist teuer und erfordert viel Organisation, aber wenn es deine echte Leidenschaft ist, findest du einen Weg, es dir zu erhalten. Was ich am Polo in Mitteleuropa mag – Polen, Deutschland, Ungarn, die Slowakei, Tschechien –, ist, dass es nicht so „posh“ ist. Viele Clubs spielen einfach täglich Chukkas und organisieren ein paar Turniere im Jahr, und es ist herzerwärmend, all die Anhänger aus der Slowakei, Österreich, Deutschland, Schweden und Ungarn ankommen zu sehen. Vor allem Polo in Deutschland ist groß und hervorragend organisiert – ich spiele dort sehr gern, und ich finde, andere Länder sollten sich Deutschland zum Vorbild nehmen: professionelle Strukturen und ein gut geführter Verband, der seine Spieler wirklich unterstützt.

Ich glaube, Polo in Mitteleuropa und in Europa insgesamt boomt. Das sieht man, wenn man im November zum Palermo Open nach Argentinien reist – man sieht dieselben Gesichter wie bei den Turnieren in ganz Europa. Es ist wirklich ein großer Markt und eine große Familie.

Sie verbringen einen Großteil der Wintersaison in Argentinien, der führenden Polonation der Welt. Wie ist Argentinien aus Ihrer Sicht zur dominierenden Kraft im Polo geworden, und gilt der Sport heute noch als typisch englisch?

Das ist für mich eine knifflige Frage, denn ich setze mich auch weltweit für Chovken ein – einen Sport, der schon im alten Persien gespielt wurde –, und das verändert meinen Blick auf Polo. Für mich ist Polo nicht ursprünglich englisch. Die Engländer waren die treibende Kraft hinter der Modernisierung und Globalisierung des Spiels, aber frühere Formen, darunter Chovken, wurden schon Jahrhunderte zuvor gespielt.

Ich glaube, Argentinien ist durch sein gesellschaftliches Umfeld dominant geworden – riesige Farmen und eine Kultur rund um die Estancias und den Gaucho – in Verbindung mit der Zucht des Polo Argentino. Dieser Lebensstil lässt sich nirgendwo sonst nachbilden. Das Erste, was ich mir gekauft habe, als ich mit Polo anfing, war ein Buch, „History of Polo“, weil ich verstehen wollte, wie man gespielt hat, bevor Pferde um die ganze Welt geflogen wurden – und es zeigt sich, dass Polo überall gespielt wurde, mit einheimischen Pferden. Wer heute High Goal spielen will, findet die besten Pferde, das beste Training, die besten Sattler und Stiefelmacher in Argentinien. Wer aber mit kleinem Budget Low Goal spielen will, für den sind einheimische, in Europa gezogene Pferde eine großartige Alternative. Man muss nicht zwölf Pferde in Argentinien kaufen und herfliegen lassen – man kann lokal denken.

Neben Ihrer Tätigkeit als Polospieler sind Sie Generalsekretär der International Chovken Federation. Für alle, die den Sport nicht kennen: Was ist Chovken, und warum ist es für das kulturelle Erbe Aserbaidschans so wichtig?

Chovken ist eine uralte Form des Polo. Hinter politischen Grenzen war es viele Jahre von der westlichen Welt abgeschnitten – gespielt wurde es in Aserbaidschan, Usbekistan und Kasachstan. Als ich zum ersten Mal davon hörte, war ich verblüfft, wie ähnlich es dem Polo ist – und trotzdem wusste die westliche Welt nichts davon. Ich fand das schade: Da gab es einen ganzen Markt, den man verbinden konnte – Polospieler, die Chovken ausprobieren, Chovken-Spieler, die Polo ausprobieren, eine Art gegenseitiger Austausch. Ich habe angefangen, mit Verantwortlichen in Aserbaidschan darüber zu sprechen, den Sport weltweit bekannt zu machen, und so bin ich Generalsekretär der ICF geworden. Inzwischen haben wir über 60 Mitgliedsländer. Es ist ein Sport, der dem Polo sehr ähnlich ist, etwas rauer, aber mit einem enormen kulturellen Erbe – er steht sogar auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, und ich finde, er ist es absolut wert, bewahrt zu werden.

Die International Chovken Federation hat den Sport international ausgebaut. Welche Länder sind inzwischen aktiv dabei, und wo organisieren Sie derzeit Chovken-Veranstaltungen?

Mit inzwischen über 60 Mitgliedern haben wir 2025 die Afrikameisterschaft in Nigeria ausgerichtet, die Europameisterschaft in Polen, die Südamerikameisterschaft in Pilar, Argentinien, und die Asienmeisterschaft in Taschkent, Usbekistan. In diesem Jahr hatten wir eine wunderbare Weltmeisterschaft in Baku, Aserbaidschan, mit zehn Teams. Jetzt bereiten wir unsere Generalversammlung in Port Ghalib, Ägypten, vor, auf der wir die nächste Runde der Kontinentalmeisterschaften planen. Es ist ein Projekt, das wir langfristig aufbauen. Es mag noch jung und klein wirken, aber wir haben schon viel erreicht – und mit der anhaltenden Unterstützung Aserbaidschans gewinnt es richtig an Schwung.

Sie sind sowohl im Polo als auch im Chovken und dazu im Springreiten tief verwurzelt. Wie sehen Sie die Zukunft der traditionellen Reitsportarten? Werden sie bei jüngeren Generationen beliebter?

Darauf habe ich zwei Antworten. Positiv ist: Ich sehe viele Kinder, die zum Polo kommen, und viele Familien, die zusammen spielen – ich weiß also, dass neue Generationen nachrücken. Aber ich mache mir Sorgen darüber, wie der Pferdesport außerhalb der Reiterwelt wahrgenommen wird. Die Gesellschaft verändert sich – und zu Recht wird von uns verlangt, Anpassungen zum Schutz des Pferdewohls vorzunehmen –, doch manche sehen darin einen Grund, infrage zu stellen, ob diese Sportarten überhaupt weiter existieren sollten. Selbst in Deutschland werden einige Reiterstaffeln der Polizei abgeschafft. Ich mache mir ein wenig Sorgen um die Zukunft des Pferdesports insgesamt, weil manche ihn für grausam gegenüber Pferden halten – was schlicht nicht stimmt. Wer sich ein bisschen mit Polo auskennt, weiß, was für ein wunderbares Leben diese Pferde haben und wie gut für sie gesorgt wird.

Ich finde, es ist eine echte Aufgabe für die weltweite Polo-Community, sich zusammenzutun und diese Botschaft zu verbreiten – denn diese Sportarten am Leben zu halten, ist am Ende der einzige Weg, auch die Lebensweise dieser Pferde zu erhalten. Wenn der Pferdesport verschwindet, werden wir Pferde nur noch im Zoo sehen. Das macht mir Sorgen. Ich hoffe, dass wir es für meinen Sohn und die Generationen nach ihm schaffen, diese Leidenschaft für Polo lebendig zu halten.

Sie sind auch Vater eines neunjährigen Sohnes. Hoffen Sie, dass er in Ihre Fußstapfen tritt, reitet und Polo oder Chovken spielt – oder lassen Sie ihn lieber seinen eigenen Weg wählen, wie auch immer der aussieht?

Jeder muss seinen eigenen Weg wählen – ich zwinge Antek zu nichts. Aber ich möchte ihm die Chance geben, sich in diese Leidenschaft zu verlieben, denn eine Leidenschaft im Leben zu haben, ist wichtig. Sie verändert den Blickwinkel, sie lehrt Disziplin, sie bringt einen anderen Menschen näher. Diese Gelegenheit möchte ich ihm geben. Aber ob er ein großer Polospieler wird, Geschäftsmann, Anwalt oder Arzt – das wird seine Entscheidung sein. Polo muss kein Beruf sein. Polo ist eine Leidenschaft.

Fotos: Maciek Olbrych

Facebook
Twitter
Related Topics

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

YOU MAY ALSO LIKE

POLO+10 PLAYERS LIST

Nur für Polospieler: die größte Spielerdatenbank der Welt. Jetzt anmelden und Ausschreibungen und Einladungen von Veranstaltern weltweit erhalten!

Anmelden zum POLO+10 Newsletter
Newsletter Anmeldung *(erforderlich)

IHR TURNIERMAGAZIN VON POLO+10!

Möchten Sie für Ihr Turnier ein eigenes Turniermagazin?

Dann sprechen Sie uns an! POLO+10 produziert Ihr Turniermagazin.

Bitte schreiben Sie an
hello[at]twa.ag